Die Diagnose ADHS wird oft falsch gestellt
Die Diagnose ADHS wird oft falsch gestellt

Die Wissenschaftler haben die Daten von mehr als neun Millionen Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren ausgewertet. Sie sammelten die Gesundheitsdaten der Kinder über einen Zeitraum von elf Jahren. Die Einschulung aller Kinder fand in der Provinz British Columbia statt. In dieser kanadischen Provinz wurde der Stichtag für die Einschulung auf den 31. Dezember gelegt. In der Praxis dürfen Kinder, die ihren Geburtstag kurz vor dem Stichtag haben, im nächsten Jahr die erste Klasse besuchen. Im Januar geborene Kinder dagegen werden nicht eingeschult und müssen noch ein Jahr auf den Schulanfang warten. Die kanadischen Forscher haben nun herausgefunden, dass bei der Diagnose ADHS besonders die im Dezember geborenen Kinder betroffen waren. Das Risiko für eine fehlgeleitete Diagnose und damit auch eine unangemessene Behandlung war für die Jüngsten und damit auch die unreifsten Kinder am höchsten, legten die Forscher im Fachmagazin „Canadian Medical Association Journal“ dar.

Unangepasstes Verhalten als Krankheit   

Damit sind Befürchtungen bestätigt, dass Kinder mit der Diagnose ADHS oft in eine falsche Schublade gesteckt werden. Die jüngeren Kinder in einer Schulklasse verhalten sich aufgrund ihres Alters anders als die älteren. Eigentlich normales Verhalten wird mit Medikamenten passend gemacht. Die Kinder sind unreif, aber nicht krank. Die Studie macht klar, dass die jüngeren Kindern mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit von 39 Prozent die Diagnose ADHS erhalten und sogar bis zu 48 Prozent eher mit entsprechenden Medikamenten behandelt werden.

Schaden für falsch behandelte Kinder  

"Diese Studie wirft Fragen für Ärzte, Lehrer und Eltern auf, wir müssen uns fragen, was sich ändern muss", so das Fazit der Psychiaterin Jane Garland. Sie hat an der Studie mitgearbeitet. Auf jeden Fall müsse das relative Alter der Kinder in Betracht gezogen werden. Alle Wissenschaftler sehen gravierende Gefahren bei einer derartigen Fehldiagnose und der damit eher schädlichen Behandlung. Die Medikamente gegen ADHS haben Nebenwirkungen. Appetit, Schlaf und Wachstum können negativ beeinflusst werden. Man habe inzwischen festgestellt, dass es ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gebe. Auch könne es nicht geleugnet werden, dass sich Lehrer, Eltern und Erzieher den betroffenen Kindern gegenüber anders benehmen. Deshalb sind psychische Folgen, Ängste oder Probleme mit dem Selbstwertgefühl nicht auszuschließen.

Ergebnisse wurden über Jahre gesammelt  

Die Wissenschaftler stellen ganz klar fest, dass die Auswirkungen des relativen Alters während der gesamten Zeit der Untersuchungen deutlich geworden sei. Man kann demnach nicht von Einzelfällen reden. Betroffen waren die Kinder in allen Altersklassen. In jedem Fall gab es häufigeren ADHS-Diagnosen bei den im Dezember geborenen Kindern. Die Kinder mit Geburtstagen im Januar, also die erst später eingeschulten Kinder waren deutlich weniger betroffen. Man habe diese Ergebnisse sowohl für Mädchen als auch für Jungen erhalten.

Mädchen weniger auffällig

Insgesamt aber wurde ADHS dreimal häufiger bei Jungen als bei Mädchen diagnostiziert. Die Gründe dafür konnten nicht abschließend festgestellt werden. Es gibt aber Vermutungen darüber: Jungen mit ADHS verhalten sich impulsiv, laut und hyperaktiv. Mädchen sind in vielen Fällen weniger auffällig. Sie sind unkonzentriert und verträumt. Es könnte sein, dass deshalb bei Mädchen die Störung seltener erkannt wird.