Funktionär im Gesundheitswesen schlägt Bier statt Therapie vor
Funktionär im Gesundheitswesen schlägt Bier statt Therapie vor

Dieser einflussreiche Mann hat nun ein erstaunliches Statement abgegeben. Nach dem Protokoll einer Sitzung des GKV-Spitzenverbandes sagte der GBA-Vorsitzende, dass man nicht für jeden Bürger einen Psychotherapeuten brauche. Manchmal tue es auch einfach eine Flasche Bier. Diese Sätze fielen, weil die Forderung nach mehr Kassensitzen für Psychotherapeuten gestellt wurde. Josef Hecken hat seine Äußerung auf Anfrage einiger Medien nicht bestritten. Er gesteht lediglich zu, dass seine Formulierung unglücklich und deshalb missverständlich sei. Er hätte niemals die Absicht gehabt, psychische Krankheiten zu verharmlosen. Auch wolle er auf keinen Fall Alkohol als Alternative zu einer therapeutischen Behandlung propagieren. Er sei als Privatmann der Ansicht, dass nicht jede gelegentliche Schlafstörung gleich eine behandlungsbedürftige Krankheit sei. Manchmal sei ein altes Hausmittel wie eine warme Flasche Bier das Mittel der Wahl.

Schlag ins Gesicht der psychisch Kranken

Die Äußerungen des GBA-Vorsitzenden, der bereits Gesundheitsminister im Saarland war, haben einen Sturm der Entrüstung entfacht. So hat Rainer Richter, der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, seiner Empörung deutlich Luft gemacht. Man könne es gewiss nicht als professionell bezeichnen, wenn Hecken „über alle psychisch Kranken herfällt“. Die Psychotherapeuten haben ein Protestschreiben verfasst, dass an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. „Sie bagatellisieren und ignorieren mit Ihrer Bierflaschen-Metapher die Not unserer Patienten und stigmatisieren subtil Menschen mit schweren psychischen Störungen“, heißt es in dem Brief.

Vorsitzender des GBA muss neutral bleiben

Die psychischen Erkrankungen nehmen ständig zu. Betroffene müssen oft Wochen und Monate auf einen Therapieplatz warten. In Deutschland gibt es rund 23.000 Psychotherapeuten, die mit dem ständig wachsenden Strom von Patienten überfordert sind. Inzwischen ist für jede achte Krankschreibung eine psychische Störung verantwortlich. Auf diesem Hintergrund ist für den Bundesvorsitzenden der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung die Äußerung Heckens ein grober Ausrutscher, vor allem im Hinblick auf die Verbindung zwischen Depressionen und Abhängigkeit vom Alkohol. Doch für Dieter Best ist es noch weitaus schlimmer, dass Hecken sich gegen den direkten Zugang von Patienten zur Psychotherapie stellt. Seit 1999 muss keine Kontrolle mehr durch einen Arzt erfolgen. Hecken sei als GBA-Vorsitzender zur Neutralität verpflichtet. „Und das ist nicht neutral“, sagt Best.

Gegen direkten Zugang

Vor diesem Zeitpunkt seien viele Patienten gar nicht bis zu einem Therapeuten gelangt, sondern oft von anderen Ärzten mit Medikamenten beruhigt worden. Die psychisch Kranken können nun mit ihren Problemen sofort zum richtigen Ansprechpartner gelangen. Für Dieter Best ist es erschreckend, dass der Vorsitzende eines Gremiums das offensichtlich anders beurteile und dabei mitverantwortlich für die Bedarfsplanung ist.

Therapeuten wehren sich gegen Benachteiligung

Die Psychotherapeuten fühlen sich im Gesundheitssystem ohnehin übervorteilt. Die Äußerung Heckens passt für sie deshalb ins Gesamtbild. Das Geld für die psychotherapeutische Arbeit wird von den Kassenärztlichen Vereinigungen verteilt. Hier sind die Ärzte in der Mehrheit, das Stimmrecht der Psychotherapeuten wurde auf zehn Prozent begrenzt. Die Zahl der niedergelassenen Ärzte und Psychologen wird durch die Bedarfsplanung bestimmt, an der auch der GBA beteiligt ist. Aus dem bereits erwähnten Protokoll der Sitzung des Spitzenverbandes wird deutlich, dass sich Hecken gegen die Absicht stellt, dass ab 20124 nicht von Ärzten belegte Kassensitze auch psychologischen Psychotherapeuten zugeteilt werden können.