Neue Hoffnung: Gel gegen Aids
Neue Hoffnung: Gel gegen Aids

Die Daten der Pilotstudie, die von der südafrikanischen Wissenschaftlerin Quarraisha Abdool Karim auf der Konferenz vorgestellt wurden, sind tatsächlich bemerkenswert. Knapp 900 Frauen nahmen an der Studie teil. Sie probierten ein Scheidengel aus, das vor dem Sex eingeführt werden muss. Dem Gel war ein bestimmter Wirkstoff beigemischt. Es handelt sich dabei um den Wirkstoff Tenofovir, den es bereits in Tablettenform gibt und den viele Infizierte und Erkrankte einnehmen. Im Vergleich zu anderen Substanzen, die bereits als Gel getestet wurden, wirkt Tenofovir nicht nur an der Oberfläche, sondern geht in die Schleimhautzellen über. Genau dort aber setzen sich die Aidsviren fest und greifen das Immunsystem an. Die Konzentration des Wirkstoffes ist in dem Gel ungefähr 1000 Mal höher als in einer Tablette.

Der Aufbau der Studie  

445 Frauen bekamen in jedem Monat das Gel mit Applikatoren zur Verfügung gestellt. Dagegen erhielten 444 Frauen ein Placebo. Doch die Forscher verteilten nicht nur das Gel, sondern sie taten noch mehr. Sie sammelten die Applikatoren ein und sprachen mit den Frauen über andere Formen der Aids-Vorsorge: Sie machten ihnen das Konzept und die Zielstellung einer klinischen Studie klar und wiesen vor allem darauf hin, dass sich die Frauen nicht auf das Gel verlassen können. Die Frauen wurden regelmäßig untersucht und sofort behandelt, wenn sie infiziert waren. Nach rund zweieinhalb Jahren gab es 98 HIV-infizierte Frauen. 60 davon kamen aus der Gruppe mit den Placebos, die anderen 38 hatten das Tenofovir-Gel benutzt.

Ergebnisse lassen aufhorchen

Für die Frauen, die das Gel richtig angewandt hatten, sank das Risiko einer HIV-Infektion um 54 Prozent. In der Gegend, in der die Studie durchgeführt wurde, ist jede dritte Frau infiziert. Die Ergebniszahlen bedeuten also einen großen Fortschritt. Keine andere Studie hat in den letzten Jahren eine solche Bilanz aufweisen können. “Auf diese Ergebnisse haben wir 20 Jahre gewartet,” sagt die Forscherin Abdool Karim. Der Applaus der Delegierten in Wien war entsprechend groß.

Keine endgültigen Aussagen

So wunderbar die Ergebnisse der Studie sind und so groß auch die Hoffnungen der Frauen auf einen wirksamen Schutz sein mögen, so muss man doch genauer hinsehen. Zunächst ist die Zahl der Studienteilnehmerinnen recht klein. Auch stammen alle Frauen aus ein und derselben südafrikanischen Provinz. Die Autoren der Studie verheimlichen das auch nicht. “Die relativ kleinen Fallzahlen und die geringe Anzahl an Studienorten begrenzen die Allgemeingültigkeit der Ergebnisse.” Die Wende bringt diese Studie also wohl nicht, wohl aber berechtigte Zuversicht.

Weitere Daten nötig

Es laufen bereits größere Studien mit 5000 Frauen in verschiedenen Ländern Südafrikas. Die Ergebnisse sind abzuwarten. Es gab bereits vorher sehr vielversprechende Studien, so zum Beispiel mit dem Mikrobizid “Pro 20002“. Auch hier waren anfängliche Erfolge zu verzeichnen. Doch in größeren Versuchen und Studien stellte sich heraus, dass kaum eine Schutzwirkung zu vermelden war. Es ist klar, dass noch viele Studien und Untersuchungen nötig sein werden, um die Daten der neuen Studie zu untermauern.

Frauen vor allem betroffen

Die Weltgesundheitsorganisation jedenfalls zeigte sich erfreut über die Studienergebnisse. “Das ist sehr erfreulich,” betonte der Direktor der WHO-Aids-Abteilung. “Es ist das erste Mal, dass wir etwas haben, das Frauen von sich aus steuern können,” sagt Gottfried Hirnschall. Denn weltweit sind die Frauen in einer traurigen Mehrheit, wenn es um die Neuinfektion mit Aids geht. Kondome sind oft nicht durchsetzbar, so dass das chemische Kondom für Frauen ein gutes Mittel wäre, sich aktiv zu schützen und die Dinge selbst zu regeln.

Angriff von vielen Seiten   

Gottfried Hirnschall sieht die Lage durchaus realistisch. Das Gel könne keinesfalls die neue “Präventionswaffe” sein. “Es gibt nichts, was hundertprozentig wirkt. Es braucht eine kombinierte Prävention, bei der wir verschiedene Waffen gebündelt einsetzen.”

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