Oberarzt fälscht Krankenakten für bevorzugte Transplantationen
Oberarzt fälscht Krankenakten für bevorzugte Transplantationen

Erst vor ungefähr einem Monat hat der Bundesrat das neue Gesetz zur Organspende beschlossen. Die Menschen sollen verstärkt darüber nachdenken, ob sie ihre Organe nach ihrem Tod für einen kranken Menschen zur Verfügung stellen. Doch die unglaublichen Vorgänge in der Göttinger Klinik stehen diesen Absichten total entgegen. Ein Oberarzt soll Patientendaten gefälscht haben. Er hat offensichtlich auf dem Papier bestimmte Patienten kränker dargestellt, als sie tatsächlich waren. Er hat die Leber- und Nierenwerte so dramatisch manipuliert, dass die Patienten auf der Warteliste nach oben gerutscht sind und so eher ein Spenderorgan erhielten. Das Ausmaß des Schadens ist noch nicht abzuschätzen. „Die Transplantationsmedizin beruht auf einem Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient, und dieses Vertrauen wird durch diese Vorkommnisse erheblich erschüttert“, so Andreas Pascher, Transplantationschirurg an der Berliner Charité.

Netzwerk des Betrugs mit Spenderorganen

Nach den letzten Recherchen geht es in Göttingen nicht um einen Einzelfall. In den letzten zwei Jahren wurden in mehr als zwei Dutzend Fällen die Daten von Patienten gefälscht. Es sind aber noch nicht alle Akten untersucht worden. Nach einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ wurden in Göttingen pro Jahr rund 50 Lebern transplantiert. Das deutet darauf hin, dass es die Manipulationen mit den Organen bereits alltäglich war. Nach Ansicht des Strafrechtlers Hans Lilie von der Universität Halle steht fest, „dass das nicht eine Person allein war“. Auch soll direkt Geld an die Ärzte geflossen sein. Die Motive des Oberarztes, von dem sich die Klinik sofort nach dem Auffliegen der Manipulationen getrennt hat, sind noch unklar. Er wollte sich bisher nicht äußern, sein Aufenthaltsort ist unbekannt.

Transplantationen sind ein gutes Geschäft

Die Bundesärztekammer hat festgestellt, dass vielleicht auch falsche Anreize gesetzt werden. Viele Ärzte haben Verträge, nach denen eine bestimmte Anzahl von Transplantationen erreicht werden muss. Wird das Ziel verfehlt, bekommt der Arzt nicht seine volle Bezahlung. Auch sind Lebertransplantationen, um die es bei den Manipulationen vorrangig ging, sehr lohnend. Eine Klinik erhält rund 150.000 Euro für eine solche Transplantation. Die ersten Ergebnisse der Untersuchung in Göttingen haben jedenfalls dazu geführt, dass die Prüfer Anzeige wegen des Verdachtes auf Organhandel erstattet haben. Das Klinikum verhält sich sehr kooperativ. Es gibt einen neuen Leiter der entsprechenden Abteilung, und der wird nach Aussagen der Klinik mit Sicherheit dafür sorgen, dass alle Daten richtig erfasst und die Wartelisten korrekt geführt werden.

Auswirkungen könnten verheerend sein

Es könnte durchaus sein, dass sich dieser handfeste Skandal auf die Bereitschaft zur Organspende negativ auswirken könnte. Schlagzeilen dieser Art könnten durchaus dazu beitragen, dass Unsicherheiten und Vorurteile verstärkt werden. Mediziner vermuten, dass man in einigen Monaten sehen wird, ob die Organspenden zurückgehen oder nicht. Betroffen sind auf jeden Fall Patienten, die durch die Manipulationen auf der Warteliste zurückgerutscht sind und länger warten mussten. Ob es deswegen sogar Todesfälle gegeben hat, wird noch untersucht.

Arzt war bereits vorher auffällig

Die internationale Vermittlungsstelle Eurotransplant hat reagiert. Wird ein Patient mit Dialysepflicht gemeldet, muss der Arzt seinen Namen angeben. Auch sollen die Richtlinien der Bundesärztekammer strenger werden. Die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass der beschuldigte Oberarzt bereits gegen die Regeln verstoßen hat. Im Jahr 2005 habe er eine Leber nach Jordanien mitgenommen und sie dort transplantiert. Eurotransplant bekam die Adresse des Klinikums als Wohnort für eine Frau, die angeblich in Regensburg die neue Leber bekommen sollte. Es ist erstaunlich, dass dieser doch denkwürdige Vorfall keinerlei Konsequenzen für den Arzt hatte.