Studie: Immer mehr Menschen können Arztbesuch nicht bezahlen
Studie: Immer mehr Menschen können Arztbesuch nicht bezahlen

Arme Bevölkerungsschichten werden in Hannover nur unzureichend medizinisch versorgt. Das geht aus einer Langzeit-Untersuchung hervor, die die Ärztekammer kürzlich in der niedersächsischen Landeshauptstadt vorgestellt hat. Demnach könnten sich immer mehr Menschen die Praxisgebühr und Zuzahlungen nicht leisten und würden daher zunehmend kostenlose Hilfsangebote in Anspruch nehmen, so die Vorsitzende des Ärztekammerbezirks Hannover, Cornelia Goesmann. Daher forderte sie die Politik auf, die Praxisgebühr abzuschaffen und Heilmittel sowie Medikamente generell an arme Menschen abzugeben. Seit 1999 nutzten beinahe 1.000 Personen das kostenlose Angebot. Auch in zahlreichen anderen deutschen Großstädten laufen ähnliche Projekte, doch die wissenschaftliche Untersuchung über eine zehnjährige Vergleichsstudie sei bundesweit einmalig, erklärt die Vorsitzende weiter.

Auswertung von rund 16.000 Behandlungsfällen

Die vom Zentrum für Qualität und Management im Gesundheitswesen (ZQ) erstellte Begleitstudie des Sozialprojektes in Hannover wertete insgesamt rund 16.000 Behandlungsfälle von sozial Bedürftigen aus, wobei die Anzahl der Patienten seit 2000 um etwa 50 Prozent gestiegen ist. Seit 1999 wurden rund 900 Patienten jährlich durch die ehrenamtlichen Helfer des Sozialprojekts versorgt.

Verstärkt psychische Leiden und Suchtprobleme

Laut der Studie haben sich im Laufe der Zeit auch die Beschwerden der Patienten deutlich verändert. Während anfangs überwiegend Personen aufgrund von Hauterkrankungen und Verletzungen die Ärzte aufsuchten, sind heute in mehr als der Hälfte der kostenlosen Sprechstunden psychische Erkrankungen oder Suchtprobleme der Patienten zu diagnostizieren. Zudem seien die ehrenamtlichen Mediziner darum bemüht, Überweisungen in eine reguläre Praxis zu erstellen, Erfolg oder Misserfolg lässt sich auf Grundlage der vorliegenden Untersuchungsergebnisse jedoch kaum feststellen. Nach Einschätzung von Cornelia Goesmann deutet alles darauf hin, dass die “sogenannte Armutsbevölkerung sich den normalen Arztbesuch nicht mehr leisten” kann.

Überforderung durch Praxisgebühr und Zuzahlungen

Nach Aussage der Experten werden Betroffene durch die fälligen Praxisgebühren sowie Zuzahlungen zu Arzneimitteln finanziell schlichtweg überfordert. Hannover sei zu einem “Drehkreuz geworden auf der Ost-West-Achse”, wodurch hier “unheimlich viele Menschen stranden”, konstatiert die Vorsitzende des Ärztekammerbezirks. Da ein Großteil dieser Personen nicht versichert und nicht medizinisch versorgt sei, laufen viele von ihnen die kostenlosen ärztlichen Sprechstunden an. Angesichts der vorliegenden Ergebnisse forderte Goesmann daher eine generelle Abschaffung der Praxisgebühren sowie eine zuzahlungsfreie Abgabe der Heilmittel und Arzneimittel an finanziell Bedürftige.