Studie: Leben in der Großstadt verändert Hirnstrukturen
Studie: Leben in der Großstadt verändert Hirnstrukturen

Dass Menschen in Großstädten häufiger unter psychischen Erkrankungen leiden, wurde bereits in zahlreichen Studien bewiesen. Konkrete Gründe hatte die Wissenschaft dafür bisher allerdings nicht gefunden. Ein Forscherteam des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit könnte nun erste Erklärungsansätze liefern. Wie das Forscherteam um Psychologe Florian Lederbogen in der Fachzeitschrift "Nature" berichtet, sind die Gehirnregionen von Städtern zur Verarbeitung von Emotionen stärker tätig und arbeiten schlechter zusammen, als die der Menschen vom Lande. Das Aufwachsen und Leben in Großstädten kann das Gehirn somit erkennbar beeinflussen und die Stressverarbeitung verschlechtern. Derzeit lebt bereits die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. 2050 werden es wahrscheinlich um die 70 Prozent sein. Die genaue Erforschung des Phänomens ist daher von großer Bedeutung. Ein echter Beweisgrund ist mit den Ergebnissen der Studie jedoch noch nicht gegeben. Weitere und größere Untersuchungen seien notwendig, so die Mannheimer Wissenschaftler.  

Stresstest bei über 30 Probanden durchgeführt

Für die Studie unterzogen sich 32 freiwillige Probanden dem sogenannten Montréal Imaging Stress Test, der häufig auch als Mist-Test bezeichnet wird. Dabei werden den Probanden schwere Rechenaufgaben gestellt, welche sie unter Zeitdruck lösen sollen. Um den Stress zu erhöhen, werden den Versuchsteilnehmern zusätzlich kritische Bemerkungen des Versuchsleiters über Kopfhörer gesendet. Währenddessen verfolgen die Wissenschaftler mithilfe eines funktionellen Magnetresonanztomografen (fMRT) die Hirnaktivitäten des Probanden.

Testergebnisse zeigen Stadt-Land-Gefälle

Durch den Stresstest stieg bei den Studienteilnehmern nicht nur der Blutdruck und der Gehalt des Stresshormons Cortisol. Er regte außerdem die Aktivität der Hirnareale an, die für die Verarbeitung von Emotionen zuständig sind. Jedoch stellte sich heraus, dass diese Symptome nicht bei allen Probanden gleichermaßen auftraten. Bei den Versuchspersonen, die aktuell in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern leben, war der sogenannte Mandelkern (Amygdala) deutlich aktiver. Dieses Hirnareal ist unter anderem dafür verantwortlich, negative Affekte zu verarbeiten. Von Personen in Großstädten über Menschen in Kleinstädten bis hin zum Dorfbewohner nahm die Aktivität des Mandelkerns ab.

Schwächere Zusammarbeit der Hirnareale 

Für die Studie entwickelten die Forscher aus Mannheim eine besondere Kennzahl, für die sie erfragten, welche Größe ihr Heimatort in der Kindheit und Jugendzeit aufwies. Anschließend wurde diese Zahl mit der Anzahl der dort verbrachten Jahre multipliziert. Je städtischer die Probanden aufwuchsen, desto größer war auch die Aktivität im Hirnareal namens perigenuales anteriores Cingulum (pACC). Dieses steuert die Aktivität des Mandelkerns entscheidend.

Bei ehemaligen Stadtkindern war zudem das Zusammenspiel von Mandelkern und pACC schwächer. Diese mangelhafte Zusammenarbeit könnte für die erhöhte psychische Labilität von Stadtmenschen verantwortlich sein. Je weiter der Mensch sich von seiner natürlichen Umwelt entferne, desto höher könnte der Preis dafür sein, so Biopsychologe Peter Walschburger von der Freien Universität Berlin zu den Ergebnissen der Mannheimer Forscher.