USA und Russland halten weiterhin an Pocken-Restbeständen fest
USA und Russland halten weiterhin an Pocken-Restbeständen fest

Pocken sind eine der verheerendsten Seuchen der Geschichte der Menschheit. Über Jahrhunderte tötete die Krankheit ein Drittel der Infizierten – darunter auch die britische Königin Maria II. im 17. Jahrhundert. Seit den letzten Erkrankungen in Somalia 1977 sind keine Pockenfälle mehr aufgetreten, der letzte Fall in Deutschland wurde 1972 in Hannover registriert. Restbestände der Erreger befinden sich am Zentrum für Prävention und Kontrolle von Infektionskrankheiten in Atlanta (USA) und am  staatlichen Forschungszentrum für Virologie und Biotechnologie in Nowosibirsk in Sibirien (Russland). Bei einem Treffen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) diese Woche in Genf wollen sich Mitgliedstaaten zum fünften Mal für eine endgültige Vernichtung des Virus aussprechen. Allerdings sieht es einmal mehr davon aus, dass die endgültige Entscheidung wieder verschoben werde.

USA und Russland halten an Experimenten fest

Um das von den gelagerten Pocken-Viren ausgehende Restrisiko zu beseitigen, wollen die Vertreter der WHO-Mitgliedstaaten nun endgültig eine Einigung darüber erzielen, wann die zwei noch vorhandenen Bestände der tödlichen Erreger unschädlich gemacht werden. Dagegen argumentieren die USA und Russland, es sei wichtig, die Pocken unter Verschluss am Leben zu halten, um im Falle einer Bedrohung weitere Tests durchführen zu können. Zudem sollten weitere experimentelle Impfstoffe und Medikamente entwickelt werden. Allerdings gibt es bereits zwei Impfstoffe gegen Pocken und ein dritter wird gerade entwickelt.

Risiko steigt jährlich

Wie WHO-Experten betonen, steige mit jedem Jahr der Lagerung die Gefahr, dass sich die Erreger von den tiefgekühlten Hochsicherheitslaboren in Russland und den USA aus erneut verbreiten. Auch Iris Hunger, Leiterin der Forschungsstelle Biowaffenkontrolle am Carl Friedrich von Weizsäcker-Zentrum für Naturwissenschaft und Friedensforschung in Hamburg warnte gegenüber der Zeitschrift „Focus“ vor der jährlich steigenden “Gefahr, dass die Pocken durch einen Unfall freigesetzt werden“. Mit der Vernichtung der letzten Pocken-Viren könnte indes ein Schlusspunkt unter die erste erfolgreiche Ausrottung einer menschlichen Krankheit gesetzt werden, erklärten die Forscher.

Signal gegen illegale Aufbewahrung

Zudem wäre es, laut den WHO-Experten, auch ein klares Signal an Personen und Institutionen, die möglicherweise illegal weiterhin Pocken-Viren aufbewahren. “Wenn das Virus zerstört ist, wäre das ein Statement, dass sich nach diesem Tag jeder Forscher, jedes Labor, jedes Land, das Pocken besitzt, an Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig macht,“ erläuterte Donald Henderson, Leiter des Pocken-Ausrottungsprogramms der WHO.

Keine rechtliche Handhabe

Der Streit um die Vernichtung der Pocken-Erreger zieht sich schon über Jahrzehnte hin. Im Jahr 1996 einigten sich die WHO-Mitgliedsstaaten auf eine Zerstörung der Restbestände, allerdings steht der endgültige Beschluss, dies tatsächlich durchzuführen, noch immer aus. Es gibt außerdem keine rechtliche Handhabe, eine Vernichtung auf Druck der WHO zu erzwingen.

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