Wissenschaftler decken Erbgut des Bakteriums auf
Wissenschaftler decken Erbgut des Bakteriums auf

Doch es gibt Hoffnung. Die Wissenschaftler am Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf (UKE) konnten das Erbgut des gefährlichen Erregers entschlüsseln. In Zusammenarbeit mit einem  chinesischen Labor konnte nachgewiesen werden, dass es sich bei dem Bakterium um eine sogenannte "Chimäre" mit hohem Gefahrenpotential handelt. "Es handelt sich um eine noch nie gesehene Kombination von Genen", macht der Bakteriologe Holger Rohde deutlich. Offensichtlich haben zwei Bakterien ihre Gene ausgetauscht. Auf diese Weise erwerben die Bakterien neue Potentiale. Das neu entstandene Bakterium gibt das Shigella-Toxin in größeren Dosierungen ab und verursacht so die schweren Erkrankungen. Bakterien haben generell die Fähigkeit, ihre Gene auszutauschen. Die Anpassung an ihre Umwelt gelingt den Erregern so besser. Außerdem werden sie auf diese Weise resistent gegen Antibiotika.

Durchbruch durch Offenlegung des Erbgutes   

Unmittelbar helfen diese Erkenntnisse den infizierten Patienten nicht. Doch je höher der Kenntnisstand der Wissenschaftler ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man eine wirksame Therapie findet. Noch weiß niemand genau, wo das neue Bakterium entstanden ist. Alles ist möglich: Es kann in einem Tier, bei einem Menschen oder irgendwo auf einer Wiese geschehen sein. Aber die Offenlegung der Erbinformationen könnte ein Durchbruch sein. "Wir hoffen mit dieser Information nun auf neue Therapieformen", sagt Holger Rohde.

Auf der Spur des neuen Bakteriums

Zunächst soll in einigen Untersuchungen geklärt werden, woher genau die Aggressivität des Erregers kommt. Im Verlauf der nächsten Woche soll es weitere Daten geben. "Wir rechnen damit, dass wir bald genügend Daten haben, um Hinweise auf die Ursache der Aggressivität dieses Klons geben zu können", so Professor Dag Harmsen vom Universitätsklinikum Münster in einem Gespräch mit dem Radiosender hr-Info. Mit dem neuen Wissen sind nun gezielte Untersuchungen möglich. Wenn der Ursprung des neuen Bakteriums aufgedeckt ist, so sind durch vergleichende Versuche auch wirksamere Therapien möglich. “Wir erhoffen uns im Laufe der nächsten Woche Hinweise zur Verhinderung weiterer Infektionen”, so die zuversichtliche Aussage von Dag Harmsen.

EHEC-Infektionen breiten sich weiter aus

Es ist zu hoffen, dass die Wissenschaftler schnell Erfolg haben. In Deutschland hat EHEC bisher 17 Todesopfer gefordert. Insgesamt gibt es inzwischen rund 2.000 Fälle von nachgewiesenen Infektionen oder Verdachtsfällen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bekannt gegeben, dass in weiteren zehn Ländern Erkrankungen gibt. In Deutschland liegt der Schwerpunkt der Ansteckungen nach wie vor in Norddeutschland und Hamburg. Bis die Wissenschaftler genauere Erkenntnisse erlangen und damit vielleicht neue Therapien möglich werden, rechnet man überall mit weiter steigenden Fallzahlen.

Kanzlerin spricht mit der spanischen Regierung  

Inzwischen hat die Infektionswelle auch politische Dimensionen angenommen. Auf spanischen Salatgurken waren zunächst Bakterien gefunden worden. Die deutschen Behörden warnten die Verbraucher vor dem Verzehr dieser Gurken. Doch der Verdacht stellte sich als falsch heraus, denn die gefundenen Keime waren von einem anderen Typ als der aggressive Verursacher der schweren Erkrankungen. Nun wollen die Spanier Schadenersatz verlangen, denn die spanischen Erzeuger mussten  große wirtschaftliche Verluste hinnehmen. Auch rechtliche Maßnahmen gegen die Hamburger Gesundheitsbehörden sind im Gespräch. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in einem Telefongespräch mit dem spanischen Regierungschef Zapatero die Gemüter beruhigen können. Sie wies darauf hin, dass die deutschen Behörden die Pflicht zur Information der Bürger hätten. Auch das europäische Schnellwarnsystem müsse bedient werden.