Wunderwaffe Antibiotikum bald vollkommen nutzlos
Wunderwaffe Antibiotikum bald vollkommen nutzlos

Die medizinische Allzweckwaffe verliert allmählich ihre Wirkung: Wegen der allzu häufigen Verschreibung von Antibiotika fördern Ärzte die Entwicklung von Resistenzen. Denn selbst normale Keime würden durch den falschen Umgang widerstandsfähig werden und sprechen dann auf die Behandlung nicht mehr an. Eine Rückkehr zu Zeiten vor der Entdeckung dieser Mittel ist laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) denkbar. „In Ermangelung dringender Korrektur- und Schutzmaßnahmen steuert die Welt auf ein post-antibiotisches Zeitalter zu, in dem viele gewöhnliche Infektionen nicht mehr geheilt werden und, noch einmal, unvermindert töten“, sagte WHO-Generalsekretärin Margaret Chan in einer Mitteilung.

Antibiotika-Therapien müssen sachgerecht durchgeführt werden

Nach Angaben der WHO-Europazentrale in Kopenhagen sterben in den EU-Ländern jährlich 25.000 Menschen durch Infektionen mit antibiotika-resistenten Bakterien, die oft bei Krankenhausbehandlungen entstanden sind. Selbst die hartnäckigsten Keime können überleben und sich vermehren, wenn die Antibiotika-Therapien nicht sachgerecht durchgeführt werden. Dadurch entstehen dann Bakterienstämme, denen manche Antibiotika nichts mehr anhaben können.

Tuberkulose-, Malaria- und HIV-Erreger breiten sich aus

Ein großes Problem ist dabei weltweit die Tuberkulose (TBC). Weil die mindestens sechsmonatige Behandlung etwa wegen Arzneimangels in armen Ländern immer wieder unterbrochen wird, nehmen die Resistenzen zu. 440.000 neue TBC-Erkrankungen mit resistenten Keimen wurden im vergangenen Jahr laut WHO in fast 70 Ländern gemeldet. Auch in Deutschland werden diese Erreger eingeschleppt. Das Problem der Resistenzen ist zudem nicht nur auf Bakterien begrenzt: Auch Malaria-Erreger beispielsweise werden widerstandsfähig gegen Medikamente. Gegen den Aids-Erreger HIV müssen immer wieder neue antivirale Arzneien entwickelt werden, weil die herkömmlichen nicht mehr wirken.

Entwicklung der Medikamente dauert zehn Jahre

Mittlerweile sei man laut WHO an einem kritischen Punkt angelangt. Die Resistenz gegen vorhandene Antibiotika habe beispiellose Ausmaße erreicht und neue Mittel könnten nicht schnell genug bereitgestellt werden. Nach Angaben von Experten dauert die Entwicklung eines neuen Antibiotikums etwa zehn Jahre. Seit dem Jahr 2000 sind nur noch sieben neue Antibiotika auf den Markt gekommen.

Aufklärung von Medizin und Öffentlichkeit wichtig

Deswegen fordert die Organisation unter anderem von den einzelnen Staaten, den Arzneimitteleinsatz zu regulieren, sowie mehr Forschung zu betreiben. Grundlage für den Kampf gegen Resistenzen seien zum einen Aufklärung der Medizin und Öffentlichkeit und zum anderen mehr Vorgaben für die Verschreibung von Medikamenten. In vielen Mitgliedsländern der WHO-Europaregion gibt es keine gemeinsame Statistik über Todesfälle durch Antibiotika-Resistenzen geschweige denn eine regulierte Anwendung der Medikamente. In 14 von 21 osteuropäischen Staaten zum Beispiel sind Antibiotika ohne ärztliches Rezept frei verkäuflich. Das nutzen besonders Landwirte, die ihren Tieren Antibiotika vorbeugend verabreichen. Außerdem verschreiben viele Ärzte die Mittel auch zur Behandlung von Virus-Infekten wie Grippe und simplen Erkältungen. Gegen Viren sind Antibiotika jedoch machtlos.