AOK beschuldigt Kliniken: Überhöhte Rechnungen
AOK beschuldigt Kliniken: Überhöhte Rechnungen

Matthias Mohrmann ist Geschäftsbereichsleiter für Angelegenheiten der Krankenhäuser bei der AOK Rheinland-Hamburg. Er sagte in einem Gespräch mit dem “Kölner Stadtanzeiger: “Etwa jede zweite geprüfte Krankenhausrechnung ist fehlerhaft, zu hoch.” Die AOK ist die größte gesetzliche Krankenkasse in Nordrhein-Westfalen (NRW). Man lässt dort jährlich ungefähr 60.000 Rechnungen überprüfen. Das sind in Bezug auf das gesamte Aufkommen rund sieben Prozent. “Allein mit diesem kleinen Segment holen wir Millionenbeträge zurück,” verdeutlicht Matthias Mohrmann. Durchschnittlich bedeutet das für die AOK Rheinland-Hamburg, dass Rückforderungen von 45 Millionen Euro im Jahr fällig werden. Im gesamten Bundesgebiet können die gesetzlichen Krankenkassen durch die Rückzahlungen rund eine Milliarde Euro zusätzlich einsparen.

Nebenkosten

Die Krankenkassen gehen dabei nach einem bestimmten Plan vor: Wenn bei den ersten Überprüfungen Auffälligkeiten unübersehbar sind, so werden die entsprechenden Belege genau unter die Lupe genommen. Stellt sich dann heraus, dass die Rechnung zu hoch angesetzt wurde, muss die betreffende Klinik den beanstandeten Betrag zurückzahlen. Eigentlich sollte bei der Abrechnung über Fallpauschalen, also feste Beträge für bestimmte Behandlungen, gar keine Manipulation möglich sein. Doch es entstehen immer wieder zusätzliche Kosten für Nebenleistungen bei sehr komplizierten Fällen.

Extreme

Häufige Beanstandungen gibt es zum Beispiel bei der Abrechnung vieler Stunden, in denen Patienten beatmet werden mussten. Gibt es dabei Zweifel, wandern die Unterlagen zum Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK). Der nimmt dann mit den Klinikärzten oder der Klinikleitung Verbindung auf. Die Fehlleistungen sind zumindest manchmal recht extrem: Eine Universitätsklinik musste die Beatmungsstunden auf die Hälfte reduzieren und mehr als 22.000 Euro zurückzahlen. Eine weitere Klinik war durch die Prüfungen gezwungen, durch einen Fehler die Rechnung von ursprünglich 37.000 Euro auf 7.900 Euro zu senken.

Notmaßnahmen

Gründe für solche Fehler gibt es genug. Matthias Mohrmann glaubt, dass die Hälfte dieser Rechnungen keine Fehler im üblichen Sinn sind, sondern vorsätzlich überhöht ausgestellt werden. Es sei der wirtschaftliche Druck, der die Kliniken zu solchen Manipulationen treibe. Vor allem in Nordrhein-Westfalen gibt es einen Überschuss an Krankenhausbetten. Es sei bedauerlich, dass die Krankenkassen keinerlei Sanktionsmöglichkeiten hätten. Man kann eben nur das Geld zurückfordern. “Eine Strafgebühr hätte abschreckende Wirkung.”

Falsche Anklagen

Die Krankenhäuser wehren sich natürlich gegen diese Vorwürfe. Hans Rossels, Präsident der Krankenhausgesellschaft in Nordrhein-Westfalen, tritt den Anschuldigungen vehement entgegen. “Der vermittelte Eindruck, Kliniken würden in beträchtlichem Umfang zu hohe Rechnungen zu Lasten der Krankenkassen abrechnen, stellt die Krankenhäuser unter Generalverdacht und ist falsch.“ Er präsentiert andere Zahlen. Bei vier Millionen Krankenhausrechnungen, die in NRW pro Jahr ausgestellt werden, gibt es nach diesen Zahlen nur bei 2,5 Prozent Unstimmigkeiten und Rückzahlungen. Hans Rossels ist der Ansicht, dass die Krankenkassen viel zu oft die Rechnungen prüfen. Das sei “unverhältnismäßig hoch und nicht sachgerecht”.

Abwägungen

Da ist er mit Gesundheitsminister Philipp Rösler einer Meinung. Der hatte vor einiger Zeit bei einem Fernsehinterview die Überprüfungen als zu hoch bezeichnet und Begrenzungen angekündigt. “Das, was wir jetzt haben, ist eindeutig zu viel.” Es sei doch in den meisten Fällen grundsätzlich anzunehmen, dass Ärzte und Mitarbeiter an den Krankenhäusern immer das Wohl der Patienten im Auge haben. Doch Wilfried Jacobs, der Chef der AOK Rheinland Hamburg, kann solche Statements bei den vorliegenden Zahlen nicht nachvollziehen. Das Controlling habe nicht viel mit Bürokratie im Sinn. Zudem setze man solche Kontrollen nicht aus Spaß ein oder um andere zu ärgern. Finanz-Controlling ist notwendig. Denn die Krankenkassen haben eine gesetzliche Verpflichtung, “wirtschaftlich mit den Geldern der Versicherten umzugehen”.