EU-Richtlinien könnten Pflegenotstand weiter forcieren
EU-Richtlinien könnten Pflegenotstand weiter forcieren

Schon heute mangelt es in Deutschland an motivierten, gut ausgebildeten Pflegefachkräften. Im Schnitt kommt auf drei freie Stellen ein geeigneter Bewerber. Die Situation wird sich in den kommenden Jahrzehnten noch weiter dramatisieren. Bis zum Jahr 2050 rechnen Experten mit einer Verdopplung der Anzahl an pflegebedürftigen Personen auf rund vier Millionen. Bei gleichbleibenden Standards wären dann rund 2,2 Millionen Pflegefachkräfte nötig – heute gibt es rund eine Million von diesen in Deutschland. Eine weitere Forcierung des Problems droht nun durch EU-Beschlüsse: Am 20. Dezember 2011 möchte Michel Barnier, EU-Binnenmarktskommissar von der französischen UMP, eine Novelle der Berufsanerkennungsrichlinie vorlegen, so berichtet die Wirtschaftswoche. Aufgrund starker Veränderungen in den Berufen der Krankenschwestern, Krankenpfleger und Hebammen innerhalb der letzten drei Jahrzehnte, sollen die Eingangsbedingungen auf zwölf Jahre Schulausbildung oder ein gleichwertiges Examen angehoben werden, so heißt es nach Angaben der Wirtschaftswoche in den Richtlinien.

Deutschland mit geringeren Voraussetzungen

Die europaweiten Richtlinien hätte Konsequenzen für Deutschland. Bislang reicht in der Bundesrepublik die Mittlere Reife für einen solchen Ausbildungseinstieg aus. Aufgrund des Fachkräftemangels senkte die große Koalition 2008 die Voraussetzungen sogar leicht ab. Seitdem können auch Hauptschüler mit Mittlerer Reife eine Ausbildung aufnehmen. Damit bildet Deutschland jedoch eine Ausnahme.

Politik wehrt sich gegen Vorgaben

Johannes Singhammer, Fraktionsvize der Union im Bundestag, reiste vergangenen Mittwoch nach Brüssel, um die Position Deutschlands bei EU-Gesundheitskommissar John Dalli zu vertreten. „Eine Akademisierung der Pflege halten wir für unnötig“, betonte Singhammer. Dalli erklärte zwar, die deutsche Position beim zuständigen Kommissar Barnier einzubringen, „Aber die Kuh ist noch nicht vom Eis“, so Singhammer. Auch Landespolitiker äußern sich skeptisch. Niedersachsens Gesundheitsministerin Aygül Özkan (CDU) meint dazu: „Wenn Hürden für den Start in die Pflegeausbildung zu hoch werden, darf sich niemand über Nachwuchsprobleme wundern.“ Auch Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) hält die EU-Pläne für den „falschen Weg“. Der Präsident des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) Bernd Meurer befürchtet, dass 90 Prozent der jugendlichen Berufseinsteiger dies aufgrund der neuen Voraussetzungen künftig nicht mehr tun könnten.

Deutschland als europäische Ausnahme

Die Chancen, dass sich die deutsche Position durchsetzt, stehen jedoch schlecht. Bereits heute setzen 25 von 27 EU-Staaten eine zwölfjährige Schulzeit für Kranken- und Altenpflegeberufe voraus. Auch bei der akademischen Pflegeausbildung bildet Deutschland eher das Schlusslicht. Während Studiengänge in anderen europäischen Ländern wie den Niederlanden und Großbritannien etabliert sind, bilden sie hierzulande Randerscheinungen. So meint auch Elisabeth Scharfenberg, pflegepolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Bundestag: „Man muss zur Kenntnis nehmen, dass der Pflegeberuf hierzulande einen recht geringen, in den allermeisten anderen EU-Staaten aber einen recht hohen Stellenwert hat.“ Dennoch kritisiert sie, dass die Pflegeausbildung zu einer „Eliteveranstaltung“ für Abiturienten gemacht werden soll.