Fazit nach 25 Jahren: Keine Gewissheit über Auswirkungen
Fazit nach 25 Jahren: Keine Gewissheit über Auswirkungen

Am 26. April 1986 wurde die Hülle eines Reaktors im Kernkraftwerk Tschernobyl zerstört. Danach wurde zehn Tage lang radioaktives Material freigesetzt. Eine radioaktive Wolke kontaminierte rund 150.000 Quadratkilometer auf sowjetischem Gebiet. Auswirkungen davon waren überall auf der nördlichen Halbkugel festzustellen. Auch in Deutschland ist die Verstrahlung noch in der Erde nachzuweisen. In Bayern und Baden-Württemberg fiel einige Tage nach der Katastrophe Regen. Dort ist der Boden besonders stark belastet. In einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa sagte Prof. Edmund Lengfelder vom Otto Hug Strahleninstitut in München: "Sauber ist nichts. Tschernobyl ist noch da." Auch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) bestätigt diese Aussage. Allerdings sagt das Amt, dass die Dosierung von radioaktivem Cäsium-137 in belasteten Gebieten nur noch rund fünf Prozent über der natürlichen Belastung liegt.

Mehr Krebs in Tschernobyl

Die Angaben zu den gesundheitlichen Folgen für die Menschen sind alles andere als einheitlich. Der aktuelle Bericht des wissenschaftlichen Ausschusses der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen atomarer Strahlung (UNSCEAR) weist aus, dass die atomare Strahlung zu einem hohen Anstieg von Schilddrüsenkrebs in der Umgebung des Unglücksreaktors geführt hat. Das gelte vor allem für Menschen, die zum Zeitpunkt des Unfalls noch keine 18 Jahre alt waren.

Keine Gesundheitsschäden in Deutschland  

Nach dem UNSCEAR-Bericht gab es um Tschernobyl zwischen 1991 und 2005 rund 6.900 Fälle von Schilddrüsenkrebs. Auch Blutkrebs und grauer Star kamen bei den Arbeitern, die zum Aufräumen in den Reaktor geschickt wurden, verstärkt vor. Doch darüber hinaus kann der UNSCEAR keine Auswirkungen durch freigesetzte Strahlung in der Bevölkerung nachweisen. Auch das BfS sieht Situation ähnlich. Es gibt nach den Aussagen der Behörde keinen Beweis, "dass in Deutschland oder anderen Ländern Mittel- oder Nordeuropas negative gesundheitliche Strahleneffekte durch den Tschernobyl-Unfall verursacht wurden".

Atomkritiker nennen andere Zahlen

Doch gibt es auch vollkommen gegenteilige Beurteilungen der Lage. Eine Studie des atomkritischen Vereins "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges" (IPPNW) hat zum 25. Jahrestag der atomaren Katastrophe in Tschernobyl eine entsprechende Studie vorgelegt. Darin gehen die Ärzte davon aus, dass es bis zum Jahr 2056 schätzungsweise 240.000 Krebsfälle in Europa geben wird, die ohne die Ereignisse in Tschernobyl nicht aufgetreten wären. Auch die Umweltorganisation Greenpeace geht von 200.000 zusätzlichen Todesfällen rund um Tschernobyl zwischen 1990 und 2004 aus.

Keine gesicherten Grundlagen  

Eine Beurteilung der Zahlen und Fakten, eine Unterscheidung zwischen Tatsache und Vermutung ist ausgesprochen schwierig und kaum möglich. Abgesehen von unterschiedlichen Ausgangpunkten und Interessen gibt es keine einheitliche und gesicherte Bewertung, von welcher Strahlendosis an Schäden möglich sind. Es gibt Wissenschaftler, die von einer gesundheitlichen Beeinflussung auch durch geringe Strahlung ausgehen. UNSCEAR hat vor einiger Zeit allerdings noch verdeutlicht, dass man keine Szenarien zur Auswirkung von niedriger Strahlung akzeptieren könne. Die Unwägbarkeiten seien zu gravierend.

Auswirkungen werden erst auf lange Sicht deutlich

Die Zahlen aus Japan sind genauso verwirrend und im Grunde ohne wirkliche Aussagekraft. Es gibt sicherlich eine Parallele zwischen Tschernobyl und Fukushima, nämlich die Unsicherheit und die unterschiedlichen Informationen. Dr. Angelika Claußen ist die Tschernobyl-Expertin bei IPPNW. Sie ist der Meinung, dass die Auswirkungen von Tschernobyl – und damit auch von Fukushima – auf der ganzen Welt noch deutlich werden. In einem Interview mit dem Deutschlandradio sagte sie: "Einige Folgeschäden werden später sichtbar. Das hat damit zu tun, dass Radioaktivität ja nicht nur akute Wirkung zeigt, sondern die Hauptwirkungen eher Langzeitwirkungen sind."

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