Gewebetest kann Chemotherapie überflüssig machen
Gewebetest kann Chemotherapie überflüssig machen

In jedem Jahr müssen rund 58.000 Frauen mit der Diagnose Brustkrebs umgehen. Das "Mammakarzinom" ist der häufigste bösartige Tumor des Menschen. Es sind hauptsächlich Frauen, die von dieser Krankheit betroffen sind. Nur jede 100. Erkrankung wird bei einem Mann festgestellt. Es gibt keine andere Krebserkrankung, durch die so viele Frauen ihr Leben lassen müssen. Nach einer Brustkrebsoperation wird den meisten Patientinnen eine prophylaktische Chemotherapie empfohlen, wenn die Lymphknoten in der Achselhöhle nicht befallen, also "nodal-negativ" sind. Eine genaue Prognose über den weiteren Verlauf der Krankheit ist mit gängigen Verfahren nicht möglich. Eine Chemotherapie ist mit schweren Nebenwirkungen verbunden. Bei einer ganzen Reihe von betroffenen Patientinnen wäre aber eine solche Therapie gar nicht nötig. Der neue Test kann viele Frauen vor dieser hohen Belastung bewahren.

Test macht die Hälfte der Chemotherapien überflüssig

"Tatsächlich ist eine vorbeugende Chemotherapie bei weniger als 50 Prozent der nodal-negativen Patientinnen angezeigt, da die anderen durch die operative Entfernung des Tumors und die Nachbestrahlung der Brust bereits geheilt sind," macht Professor Dr. Christoph Thommsen deutlich. Er ist der Direktor der Universitätsklinik Halle, mit der die Handelskrankenkasse am 10. November dieses Jahres einen Versorgungsvertrag unterzeichnet hat. Am Klinikum befasst sich ein erfahrenes und renommiertes Fachlabor mit der Durchführung der Tests. Professor Thommsen hat durch seine Beteiligung an vielen Studien zur Bewertung und Einordnung des Tests große Erfahrung auf diesem Gebiet.

Gewebeuntersuchung gibt Aufschluss

Der uPA/PAI-1-Test ist vollkommen ohne Auswirkungen für die Patientinnen und belastet sie nicht. Er wird an dem Gewebe durchgeführt, das bei der Operation ohnehin bereits entfernt wurde. In dem Fachlabor wird das Gewebe des Tumors genau untersucht. Das Vorkommen von zwei Eiweißmolekülen ist bestimmend für die Notwendigkeit einer Chemotherapie. Bei hohen Werten ist sie indiziert, bei geringen Messwerten nicht. "Bei niedrigen Werten wird sich der Tumor nicht verteilen und er würde auch nicht auf Chemo ansprechen," erklärt Martina Vetter vom halleschen Forschungslabor.

Kostengründe verhindern die Anwendung  

Obwohl der Test zuverlässig ist und durch eine Reihe nationaler und internationaler Behandlungsleitlinien empfohlen wird, wird er in vielen deutschen Kliniken nicht angewandt. Der Grund dafür sind die Kosten, denn die Kliniken erhalten Fallpauschalen. So gibt es keinen finanziellen Spielraum für solche Untersuchungen. "Mit der Übernahme der Kosten von rund 400 Euro für die Aufbereitung und den Versand des Gewebes sowie den Test in einem qualifizierten Fachlabor können nun alle Krankenhäuser den Test ohne wirtschaftliche Einbußen durchführen," sagt Michael Lempe, Vorstand der Handelskrankenkasse.

Vorteile für alle Beteiligten  

Mit der gesonderten Vergütung des Tests sorge man dafür, dass der medizinische Fortschritt auch dort ankomme, wo er gebraucht werde, nämlich bei den betroffenen Frauen. Gleichzeitig entfallen für die Krankenkasse die Kosten der Chemotherapie, durchschnittlich rund 4.300 Euro. Selbstverständlich ist die Kostenübernahme ebenfalls eine gute Nachricht für Kliniken, die den Test trotz der Kosten bereits durchführen. Das trifft für das Brustkrebszentrum Bremen Mitte zu. Dr. Mustafa Aydogdu ist Chefarzt des Zentrums. Er ist von der Effektivität des Testes uPA/PAI-1 fest überzeugt. "Jeder vierten Brustkrebserkrankten kann damit die belastende Chemotherapie erspart werden. Dass jetzt die hkk die Kosten dafür übernimmt, ist ein wichtiger Schritt."