Interview:
Interview: "Folgen von Unisex sind eine Frage des Einzelfalles"

1A.NET: Herr Dr. Knoll, Ihr Unternehmen, die Deutsche Familienversicherung, hat zum Februar 2012 die erste Pflegezusatzversicherung auf den Markt gebracht, die nach den Unisex-Bestimmungen kalkuliert ist. Ist das vor dem 21. Dezember 2012 rechtlich überhaupt zulässig?

Knoll: Zunächst einmal ist die Einführung einer Pflegezusatzversicherung auf der Basis eines Unisex-Tarifes, wo Männer und Frauen die gleiche Prämie zahlen, eine Antwort darauf, der allgemeinen Verwirrung am Markt etwas Klarheit gegenüberzustellen. Bei der Deutschen Familienversicherung müssen die Frauen nicht bis zum 21.12.2012 warten, damit sie die preislichen Vorteile von Unisex in Anspruch nehmen müssen. Umgekehrt bieten wir den Männern noch bis zum Ende des Jahres die für sie günstigen Bisex-Tarife an, so dass beide Geschlechter bei der Deutschen Familienversicherung profitieren.

Nun zu Ihrer Frage. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofes, mit dem eine nach Geschlechtern differenzierte Tarifierung verboten wurde, könnte man so auslegen, dass eine Unisex-Tarifierung erst ab dem 21.12.2012 erlaubt ist, zumal die Kalkulationsvorgaben des VAG, die eine Geschlechter differenzierte Tarifierung vorschreiben, immer noch Gültigkeit haben. Eine solche Interpretation des Urteils würde aber bedeuten, dass man die Entscheidung nicht verstanden hat. Der EuGH hat die Europäische Richtlinie, auf der die Geschlechter differenzierte Tarifierung fußt, uneingeschränkt für unwirksam erklärt und gleichzeitig dem Gesetzgeber aufgegeben, bis zum 21.12.2012 eine entsprechende nationale gesetzliche Regelung zu schaffen. Damit haben alle Versicherungsgesellschaften die Verpflichtung, bis zum 21.12.2012 auf Unisex umzusteigen. Es bleibt aber der einzelnen Gesellschaft unbenommen, die Entscheidung des EuGH schon heute umzusetzen, was wir von der Deutschen Familienversicherung aus Gründen der Transparenz und der Klarheit gemacht haben.

1A.NET: Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem neuen Tarif? Wird dieser von Versicherten angenommen? Eher von Männern oder eher von Frauen?

Knoll: Zunächst einmal ist das Problembewusstsein bei denen, die eine Pflegezusatzversicherung bräuchten, noch nicht so ausgeprägt, wie man sich das wünscht, angesichts der großen Probleme, die auf diese Gesellschaft zukommen. Obwohl die Frauen aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung im besonderen Maße Betroffene der Versorgungslücke der gesetzlichen Pflegeversicherung sind, haben sich bisher eher Männer für eine zusätzliche Absicherung entschieden. Mit den neuen Unisex-Tarifen und der damit einhergehenden deutlichen preislichen Absenkung schien sich das zu verändern. Zunehmend verstehen allerdings die Männer, dass sie nur noch bis zum 21.12.2012 Zeit haben, sich nach dem günstigeren Bisex-Tarif versichern zu können. Insofern hält sich das in der Waage.

1A.NET: Die Auswirkungen von Unisex sind noch immer nicht ganz klar. Wie werden sich die Neuerungen für Versicherungen und die Versicherten in der Krankenversicherung ab 2013 auswirken?

Knoll: Ich kann hier nur für die Pflegezusatzversicherung sprechen, wo die Tarife für Männer um etwa 30 % teurer werden, während die Tarife von Frauen um etwa 25 % günstiger werden.

1A.NET: Erkennen Sie neue Anforderungen für den Vertrieb von Krankenversicherungsprodukten nach Unisex?

Knoll: Bis zum 21.12.2012 stehen insbesondere die Makler vor dem Problem, dass sie bei jedem Bisex-Tarif, den sie einer Frau verkaufen, diese darauf hinweisen müssen, dass die Frau nach dem 21.12.2012 ein Wechselrecht auf den günstigeren Unisex-Tarif nach § 204 VVG hat. Wer das nicht tut, begeht einen Beratungsfehler. In der Praxis bedeutet dies, dass die Kundinnen sich mehrheitlich dann dafür entscheiden werden, mit der Absicherung noch zu warten. Deshalb ist es wichtig, eine Gesellschaft wie die Deutsche Familienversicherung zu haben, die schon heute Unisex-Tarife anbietet.

Umgekehrt ist eine Beratung in der Personenversicherung unvollständig, wenn auf das Pflegefallrisiko mit den damit einhergehenden Kostenbelastungen nicht hingewiesen wird. Dies gilt umso mehr, wo Männer nach dem 21.12.2012 deutlich mehr für die gleiche Leistung zahlen müssen, weshalb auch hier eine entsprechende Aufklärung erfolgen muss. Die besondere Herausforderung für den Vertrieb bedeutet also, dass das Jahr 2012 beratungstechnisch ein Jahr der Pflege sein muss, weil andernfalls erhebliche haftungstechnische Implikationen entstehen.

1A.NET: Es gibt auch Befürworter der geschlechtsneutralen Kalkulation. Was entgegnen Sie denjenigen, die Unisex-Tarife angesichts der Geschlechtergleichstellung positiv bewerten?

Knoll: Es ist eigentlich müßig, über diese Frage zu diskutieren, weil der EuGH abschließend erklärt hat, dass eine geschlechterdifferenzierte Tarifierung nicht mehr erlaubt ist. Natürlich wird damit eine Risikokalkulation, die sich an geschlechtsspezifischen Besonderheiten orientiert, etwa der unterschiedlichen Lebenserwartung, ein Stück eingeebnet. Betrachtet man die Gesamtauswirkungen des Urteils, so kann man keineswegs sagen, dass Männer oder Frauen jeweils bevorzugt oder benachteiligt werden, vielmehr ist dies eine Frage des Einzelfalles. Dem Versicherungsgedanken hat die Entscheidung jedenfalls nicht gut getan, weil mit jedem Wegfall eines risikodifferenzierenden Merkmals Versicherungen in Summe teurer werden müssen.

1A.NET: Was sind Ihre Appelle an die Politik zur weiteren Ausgestaltung der Krankenversicherung bzw. Krankenzusatzversicherung?

Knoll: Zunächst einmal wäre ich froh, wenn sich die Politik endlich dazu bekennen würde, dass die gesetzliche Pflegeversicherung zum einen nicht ausreicht und zum anderen die demografische Entwicklung, verbunden mit dem Kinderrückgang, zu einer erheblichen Belastung der Babyboomer-Generation und ihrer wenigen Kinder führen wird. Wer im Bereich der Pflegeversicherung nicht vorsorgt, wird ein Sozialfall. Diese klare Aussage vermisse ich bei der Politik.

1A.NET: Noch einmal zurück zur Pflege. Freuen Sie sich über die Pläne der Bundesregierung zur staatlich geförderten Pflegezusatzversicherung („Pflege-Riester“)?

Knoll: Ich freue mich über jeden Hinweis aus der Politik, dass der Staat die zunehmenden Anforderungen, die unser Sozialwesen mit sich bringt, nicht mehr wird leisten können. Deswegen müssen die Bürger dahingehend sensibilisiert werden, dass sie selbst Vorsorge betreiben und nicht auf staatliche Lösungen warten.

Wenn Pflege-Riester kommt und es wird dann genauso kompliziert, wie die Riester-Rente der Anfangszeit, sollte man sich den Aufwand sparen. Wie ich überhaupt eher für eine steuerliche Lösung bin, wo die Investitionen in eine Pflegeversicherung nicht aus dem Nettoeinkommen, sondern aus dem Bruttoeinkommen bestritten werden können. Das wäre einfacher, mit weniger bürokratischem Aufwand verbunden und der Effekt wäre mindestens genauso groß.

1A.NET: Viele Verbraucher suchen eine Pflegezusatzversicherung, wissen aber nicht immer, worauf zu achten ist. Welches sind nach Ihrer Ansicht die wesentlichen Anforderungen für eine gute Pflegezusatzpolice?

Knoll: Angesichts der Entwicklung von Demenz zur Volkskrankheit und den damit verbundenen zusätzlichen Kosten, muss eine Pflegezusatzversicherung in besonderem Maße die Folgen von Demenz wirtschaftlich auffangen können.

Pflegeversicherungsverträge sind lang laufende Verträge. Sie müssen deswegen in der Lage sein, Lebensveränderungen bei der versicherten Person im Laufe der Zeit mit abbilden zu können. Deshalb ist es notwendig, dass sich die Pflegezusatzversicherung den wirtschaftlichen Verhältnissen anpassen kann und sich beim Ausfall von potenziellen Pflegepersonen, wie etwa dem Tod des Ehepartners oder von Kindern, der Leistungsumfang erhöht, beides ohne erneute Gesundheitsprüfung.

Schließlich muss eine Pflegezusatzversicherung auf die individuellen Erwartungen des Einzelnen Rücksicht nehmen können. Starre Unterscheidungen zwischen ambulanter und stationärer Pflege sind ebenso nachteilig, wie eine ausschließliche Fokussierung auf hohe Pflegestufen, deren Eintrittswahrscheinlichkeit entsprechend geringer ist.

Schließlich muss die Pflegezusatzversicherung weltweit leisten, weil gerade der Pflegekräftemangel, dem wir ins Auge sehen müssen, dem Versicherungsnehmer eine Beweglichkeit eröffnen muss, die es ihm erlaubt, die Pflegeversicherungsleistungen auch im Ausland, insbesondere im außereuropäischen Ausland, in Anspruch nehmen zu können.

1A.NETVielen Dank für das Gespräch.

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