Krankenkassen prüfen Zertifikate gegen überflüssige OPs
Krankenkassen prüfen Zertifikate gegen überflüssige OPs

Dabei soll der Handel mit Zertifikaten in der Energiewirtschaft als Vorbild dienen. Dabei geht es um die notwendige Verminderung des CO2-Ausstoßes. Um entsprechend wirksame Anreize zu setzen, steht den Stromerzeugern eine bestimmte Freimenge an CO2 zu, die sie in die Umwelt entlassen dürfen. Wird diese Menge überschritten, so müssen sich die Erzeuger Zertifikate bei anderen Unternehmen kaufen, die weniger als die für sie festgesetzten Kontingente benötigen. Die Unternehmen mit geringem CO2-Ausstoß verdienen durch ihre Zurückhaltung, für die anderen werden die Kosten erhöht. Der AOK-Vorstand Matthias Mohrmann könnte sich eine ähnliche Regelung für die Operationen in den Kliniken vorstellen. Auch der Vorstandschef der AOK Rheinland/Hamburg, Günter Wältermann, sieht hier eine Chance. "Wir sollten das zumindest ernsthaft prüfen", so seine Meinung.

Abschläge durch Zertifikate ersetzen

Mit den aktuellen Regelungen wird bereits versucht, die Zahl der Operationen zu begrenzen. Die Krankenkassen vereinbaren mit den Krankenhäusern bestimmte Budgets. Wenn eine Klinik die vereinbarte Zahl der OPs überschreitet, werden die "überzähligen" Operationen geringer bezahlt als andere Eingriffe. Diese Abschläge sind bis zum Jahr 2014 befristet. Der Vorschlag sieht nun vor, diese Abschläge abzuschaffen und an ihre Stelle die Zertifikate zu setzen. Wird die vereinbarte Zahl von chirurgischen Eingriffen überschritten, sollen die Kliniken verpflichtet werden, Zertifikate von anderen Krankenhäusern zu erwerben, die weniger als die festgelegten Operationen durchführen.

Anreize zur Beschränkung der Operationen  

Der GKV-Spitzenverband hat bereits signalisiert, dass man sich mit der Idee beschäftigen werde. "Wir prüfen derzeit die Idee, einen Handel mit Zertifikaten für Mehrleistungen bei planbaren Leistungen einzuführen", sagte der Vize-Vorstand des GKV-Spitzenverbandes, Johann-Magnus von Stackelberg. Matthias Mohrmann sagte in einem Gespräch mit dem "Handelsblatt", dass diese Maßnahmen durchaus Wirkung zeigen könnten. Der Handel mit Zertifikaten kann die Kliniken daran hindern, Patienten zu Knie- oder Hüftoperationen überreden, die noch gar nicht notwendig sind. "Die Kosten für die Zertifikate würden die Rendite einer solchen OP senken", so Mohrmann. Die Kliniken mit weniger Operationen könnten mit diesen Einnahmen Tariferhöhungen und Kostensteigerungen abfangen.

Viele OPs sind ökonomisch begründet  

Vor allem könnte das bei Operationen an Knie und Hüfte zum Tragen kommen. Hier könnte ein Versuch zeigen, ob mit dem Zertifikathandel Ergebnisse erzielt werden können. Seit 2003 ist die Zahl der Knieoperationen um 51 Prozent, die der Hüft-OPs um 18 Prozent gestiegen. Nach der vorherrschenden Meinung wird ein großer Teil der Operationen nicht aus medizinischen, sondern vorrangig aus wirtschaftlichen Gründen durchgeführt.

Vorteile für Kassen und Versicherte

Die Diskussion um den Handel mit Operationszertifikaten wird sicherlich weiter fortgeführt werden. Nach einem Bericht der "Ärztezeitung" sind die Kliniken gegen einen solchen Handel. Sie wehren sich auch generell gegen die Unterstellung, dass viele Operationen nach ökonomischen Überlegungen geplant werden. Der Handel mit Zertifikaten hätte sicherlich Vorteile: Patienten würden nicht durch unnötige Eingriffe belastet, und die gut arbeitenden Kliniken könnte ihre Kosten senken. "Sie müssten also nicht nach der Hilfe des Gesetzgebers rufen, der dann wieder mit der Gießkanne Geld auch für Häuser gibt, die gar keins brauchen", macht Mohrmann seine Einstellung klar.

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