Als ehemaliger Vorsitzender der “Unabhängigen Expertenkommission Private Krankenversicherung” und Autor diverser Publikationen verfolgt der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem die Entwicklung der PKV bereits seit Jahrzehnten. Im Interview mit der „Stuttgarter Zeitung“ wies der Experte auf Zukunftsfragen der Privaten hin, äußerte sich zur Sinnhaftigkeit des dualen Krankenversicherungssystems sowie zur Umsetzbarkeit einer Bürgerversicherung. Die Ausgaben im Gesundheitssystem steigen fortwährend und die Kosten der privaten Krankenversicherung sind Gegenstand intensiver Debatten. Angesprochen auf eine potenzielle Notwendigkeit, die Preiserhöhung in der PKV zu limitieren, führte Wasem aus, der Gesetzgeber habe bereits die Berechnung eines zehnprozentigen Zuschlags durch die Privatversicherung angeordnet. Er solle den Kosten Rechnung tragen, die durch die medizinische Entwicklung zustande gekommen sind. Laut Wasem ist es seitens des Gesetzgebers nun notwendig, für eine Absenkung des Rechnungszinses auf maximal zwei Prozent zu sorgen. Dies schaffe Spielraum für Zinsgewinne der PKV. Durch diese Regelung könne man dem Gesundheitsökonomen zufolge „eine realistischere Kalkulation und höhere Tarife für die Jungen“ erhalten.

Kosten: PKV strebt nach mehr Steuerungsinstrumenten

Eine weitere Problemstellung, die sich für die private Krankenversicherung beim Thema Kosten darstellt, umfasst die im Vergleich zum gesetzlichen Pendant begrenzte Anzahl der Steuerungsinstrumente, so Jürgen Wasem. Mit Blick auf die Arzneimittelrabatte könne das private System bereits von den durch die gesetzlichen Krankenkassen ausgehandelten Konditionen einen Nutzen ziehen. Nun strebe die Privatversicherung danach, die Instrumente für die Aushandlung von Ärztehonoraren bzw. deren Bindung an Standards zu erhalten, konstatiert der Experte. Hiermit korrespondieren die Debatten um eine Öffnungsklausel bzw. Vertragskompetenz der PKV als Bestandteil einer novellierten Gebührenordnung für Ärzte.

Duales Gesundheitssystem ohne rationale Begründbarkeit

Während die private Krankenversicherung bei den Arzneimittelrabatten von dem Wirken der gesetzlichen Krankenkassen profitiert, ist dies an anderer Stelle umgekehrt. Der These der PKV, sie subventioniere ihren gesetzlichen Wettbewerber, stimmt Wasem im vorbenannten Zeitungsinterview zu. Auf die Frage, ob er die Parallelexistenz von privat und gesetzlich als sinnvoll erachte, entgegnet der Gesundheitsökonom: “Das System hat sich bei uns aus historischen Gründen seit 120 Jahren entwickelt. Rational begründbar ist es nicht.” Das Gegenmodell der Opposition, eine Bürgerversicherung, hält Wasem aber für schwer realisierbar; auch in verfassungsrechtlicher Hinsicht. Das SPD-Modell, den Privatkassen zu untersagen, neue Kunden aufzunehmen und parallel den Wechsel in das gesetzliche System möglich zu machen, sei “technisch wohl lösbar”.

Privat & gesetzlich: Die Frage der Zweiklassenmedizin

Ob die Zweiklassenmedizin das Resultat des dualen Gesundheitssystems darstellen wird, darauf möchte sich Wasem nicht einfach festlegen lassen. Zu gespalten falle die Bilanz der Gesundheitsversorgung aus. PKV-Kunden würden öfter kostspielige, aber auch innovative Arzneimittel bekommen, die mit weniger Erfahrungsschätzen verknüpft seien, so der Experte. Zudem erhielten Privatpatienten zwar “tendenziell” zügiger einen Arzttermin (Wie berichteten über eine diskussionswürdige Studie zu den Wartezeiten), würden aber “schneller operiert und damit möglicherweise zu früh und zu oft”, so Wasem.