Expertenmeinung: Rationierungen in der Medizin sind Realität
Expertenmeinung: Rationierungen in der Medizin sind Realität

Viele Fachleute sind der Meinung, dass eine „stillschweigende Rationierung“ bereits Realität ist. Das jedenfalls sagt Christoph Jansen. Der Anwalt für Medizinrecht machte anlässlich eines Symposions zum Thema „Engpässe der medizinischen Versorgung“ klar, dass man sich der Diskussion über diese Realitäten stellen müsse. Die Anpassung von medizinischen Leistungen habe jedenfalls bereits Einzug in die ärztlichen Praxen und die Krankenhäuser gefunden. Es gehe bei der Finanzdiskussion auch längst nicht mehr um eine leistungsgerechte Bezahlung der Akteure im Gesundheitswesen, sondern einzig und allein um die finanzielle Tragfähigkeit der sozialen Systeme. Auch für Christian Katzenmeier ist dieses Dilemma bereits deutlich geworden. Der Jurist am Institut für Medizinrecht an der Universität Köln sagt, „dass man nicht mehr jeden Fortschritt jedem Patienten angedeihen kann“.

Konfliktpotential

Die Ärztinnen und Ärzte, die tagtäglich an der medizinischen Front wichtige Entscheidungen treffen müssen, befinden sich nach Ansicht Herrn Katzenmeiers in immer stärker aufbrechenden Konflikten. Das Sozialrecht verlangt ihnen ökonomisches Handeln ab, andererseits setzt das Haftungsrecht einen bestimmten Standard von Behandlungen und Therapien voraus. Dabei muss jedem Mediziner klar sein, dass der medizinische Standard per Definitionem eigentlich wirtschaftliche Zwänge und Grenzen gar nicht in Betracht ziehen kann.

Diskussionsbedarf

Zwar wehrt sich die Politik vehement gegen Rationierungen und Priorisierungen. Doch Eckhard Nagel von der Universität Bayreuth sieht keine Möglichkeit, dass die Diskussion an der Anwendung eben solcher Prioritäten vorbei führen könnte. Allerdings will er solche Rangfolgen als „sinnvolle Strukturierung von Angebotsleistungen“ verstanden wissen. Die Defizite in der medizinischen Versorgung zeichnen sich aber immer deutlicher ab. Es stehen schwierige Auseinandersetzungen und Entscheidungen an, die nicht immer befriedigend ausgehen werden. „Wenn wir über Rationierung reden, bedeutet das immer, dass einer zu kurz kommt.“

Alte Forderungen

Diese Diskussion muss tiefe Genugtuung für den Präsidenten der Bundesärztekammer bedeuten. Jörg-Dietrich Hoppe hatte bereits im Mai des vergangenen Jahres mit der Forderung nach einer Prioritätenliste für große Aufregung gesorgt. Nun sind solche Szenarien wieder verstärkt in der Diskussion. Auch Hoppe hat sich in einem Interview mit der rp-online-Redaktion wieder zu Stellenwerten in der Medizin geäußert. Er rechnet mit Leistungseinschränkungen für gesetzlich Versicherte, wenn das System der Finanzierungen so bleibt wie es ist. Eine derartige Entwicklung könnte darin münden, dass nur noch ein Basisschutz, eine Grundsicherung übrig bleibt. Weitergehende Absicherungen würden dann über Zusatzversicherungen ablaufen.

Gemeinschaftsarbeit

Im Verlauf dieses Interviews machte Hoppe deutlich, wie eine Priorisierung praktisch umgesetzt werden könnte. Man wolle den Leistungskatalog nicht kürzen, sondern für die möglichen Leistungen eine Rangfolge ausarbeiten. Ein Gesundheitsrat, zusammengesetzt aus Medizinern, Ethikern und Juristen, aus Epidemiologen, Theologen und Vertretern der Patienten soll Vorschläge erarbeiten, welche Krankheiten Vorrang haben oder im Grundsatz behandelt werden sollen. Die Umsetzung dieser Empfehlungen muss dann Sache der Politiker sein.

Kind beim Namen nennen

Dieses Thema ist selbstverständlich für Politiker alles andere als angenehm und natürlich völlig unpopulär. Doch nach Ansicht von  Jörg-Dietrich Hoppe wird eine solche Debatte unausweichlich sein. Wissenschaftler wissen längst, dass immer mehr Menschen immer mehr Leistungen in Anspruch nehmen. Gleichzeitig werden die finanziellen Mittel immer knapper. Die „heimliche Rationierung“ findet in den Augen des Ärztepräsidenten ohnehin bereits statt. Sie führt in vielen Fällen bereits zu einer Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Arzt und Patient. Das unwürdige Drumherumgerede will niemand mehr, weder die Ärzte noch die Patienten.