Arztreport 2010: Der Hausarzt kann Probleme lösen
Arztreport 2010: Der Hausarzt kann Probleme lösen

So sind die Zahlen natürlich Wasser auf die Mühlen des Deutschen Hausärzteverbandes. Verbandsvorsitzender Ulrich Weigeldt sieht die neuen Fakten als Beweis, dass sich an der grundsätzlichen Struktur des Gesundheitssystems etwas ändern muss. Es sei notwendig, dass das deutsche Gesundheitssystem deutlicher in bestimmte Bahnen gelenkt würde. Die Hausärzte seien prädestiniert, eine Steuerungsfunktion zu übernehmen. „Wenn wir die Kontaktzahlen durch Einschreibungen der Patienten in die Hausarztverträge verringern und die Kontaktzeit erhöhen, verbessern wir die Qualität der ambulanten Versorgung in Deutschland“, sagt Ulrich Weigeldt. Die Diskussion um die Rolle des Hausarztes bei der medizinischen Versorgung wird schon lange Zeit mit den verschiedensten Argumenten und den unterschiedlichsten Auswirkungen geführt.

Hausarztverträge

Darum geht es: Die Gesundheitsreform räumt dem Hausarzt eine bestimmende Rolle bei der Gesundheitsversorgung ein. Er soll als Lotse durch das Gesundheitssystem fungieren. Jede gesetzliche Krankenkasse sollte bis zum 1. Juli des vergangenen Jahres einen Hausarzttarif anbieten. In einem solchen Tarif ist festgeschrieben, dass der erste Weg eines Patienten immer zuerst zum Hausarzt führt, der dann nach Bedarf weitere Untersuchungen oder Facharztbesuche anordnet. So sollten Doppeluntersuchungen, übermäßige Medikationen und das „Arzthopping“ vermieden werden. Doch es gab fast ausschließlich Schiedsverfahren, weil sich die Verhandlungspartner nicht einigen konnten. Die meisten dieser Verfahren laufen immer noch. Die Zahlen des Barmer-GEK-Reportes unterstützen die Meinung der Hausärzte, dass durch größere Steuerung viel Unnötiges vermieden werden könnte.

Ärzte nicht verantwortlich

Die Ärztevereinigung „Hartmannbund“ reagierte mit harscher Kritik an den Schlussfolgerungen aus den Zahlen des Arztberichtes 2010, die Stefan Etgeton gezogen hat. Der Gesundheitsexperte des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen hatte die Ursache der vielen Arztbesuche darin gesehen, dass die Ärzte ihre Patienten zu häufig zu weiteren Terminen einbestellen. Der Vorsitzende des Hartmannbundes, Dr. Kuno Winn, warf Etgeton „plumpe Polemik“ vor. Ein solcher Rückschluss sei völlig falsch, vor allem wenn man sich das recht geringe Ausmaß der Regeleistungsumfänge vor Augen führe. Dr. Peter Potthoff, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, hält solche Aussagen für absurd. „Das Honorar pro Behandlung sinkt mit jedem Arztbesuch.“

Deutungsspielräume

Stefan Etgeton hatte jedoch nicht die Absicht, den Medizinern die Schuld für die hohe Zahl der Arztbesuche in die Schuhe zu schieben. Doch auch einfach die Patienten verantwortlich zu machen, ist ihm zu einfach. Es könnten systembedingte Gründe sein, die regelmäßigen Quartalsbesuche oder das Verbot für Arzte, längerfristige Rezepte auszustellen. Wilfried Jacobs, Vorstand der AOK Rheinland Hamburg lässt bei der Interpretation der Zahlen Vorsicht walten. Rein statistische Ergebnisse lassen Raum für jede Art von Bewertungen. „Ich werde mich davor hüten zu sagen, das ist zu viel oder zu wenig.“

Lösungsvorschlag Hausarzt 

Allerdings hält er es für möglich, dass die hohe Zahl der deutschen Arztbesuche auf ein “Weiterreichen“ der Patienten von Facharzt zu Facharzt zurückzuführen sei. „Das könnte möglicherweise durch eine bessere Vernetzung vermieden werden.“ Womit die Hausarztverträge wieder ins Spiel kommen. Auch diese, in vielen Fällen überflüssigen Untersuchungen könnten durch den „Hausarztlotsen“ vermieden werden. Die Qualität der Behandlung würde verbessert und gleichzeitig könnten Kosten vermieden werden. Doch auch hier ist Vorsicht geboten. Grundsätzlich redet auch Birgit Fischer, Chefin der Barmer GEK, den Hausarztverträgen das Wort. Allerdings nicht um jeden Preis: „So wie die Hausarztverträge zurzeit verhandelt werden, läuft dies auf eine reine Honorarsteigerung für Ärzte hinaus. „Wir fordern aber Qualitätsverbesserungen für die Versicherten.“